Die Hirschau: Baumriesen und mehr

Diese Baumriesen springen ins Auge. Die mächtige Rotbuche, deren Laub jetzt rostrot leuchtet und die zum Verweilen darunter einlädt, die Gruppe von Schwarzkiefern, die mit ihren bizarr geformten Ästen an die Pinien des Südens erinnern, schließlich die altehrwürdige Eiche, unter der man sich im Herbst mit Eicheln eindecken kann. Besonders auffällig aber ist eine Sommerlinde, die mitten in der Wiese steht. Sie ist ein uralter „Zwillingsbaum“ mit zwei Stämmen und sie wirkt mit ihrem Umfang von mehr als 20 Metern einfach gigantisch. Die Zeit ist natürlich nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Sie hat ihre Blessuren. Einige der Hauptäste sind gestutzt, und im Vergleich zu den mächtigen Stämmen wirkt die tief herabhängende Krone beinahe kümmerlich. Doch man empfindet Ehrfurcht, wenn man vor einem Baum wie diesem steht. Wieviele Sommer und Winter der schon erlebt haben muss?

Wir befinden uns in der Hirschau, dem Nördlichen Teil des Englischen Gartens, der sich zwischen Mittlerem Ring und Föhringer Ring erstreckt und im Osten bis an die Isar heranreicht. Anders als im stark frequentierten Süden des Englischen Gartens kann die Hirschau weder Chinesischen Turm noch Monopteros aufbieten. Auch findet man hier keinen größeren See, auf dem man Bötchen fahren kann, dafür aber mehrere Weiher. Hier geht es – auch wegen der Barriere des Mittleren Rings – ein wenig ruhiger zu. Die Hirschau hat trotzdem etwas zu bieten: Kleinräumige Gehölzgruppen wechseln sich mit Wiesenflächen ab. Schöne Wege verlaufen gehölzgesäumten Bächen entlang, und es gibt eine ganze Reihe uralter Bäume, die einzeln oder in Gruppen stehen. Dass sich in dieser wunderbaren Parklandschaft der eine oder andere Vogel wohlfühlt, liegt auf der Hand. Im Sommer gipfelt die Beschaulichkeit der Hirschau im Blöken einer Schafherde, die auf den Wiesen der Hirschau ihre Nahrung findet. Allerdings, einsame Spaziergänge sind auch hier nur bei schlechtem Wetter drin. Die Parkanlage liegt doch in einer Millionenstadt, und es gibt, wie es sich für einen Münchner Park gehört, auch große Biergärten, die entsprechend Leute anziehen und in denen es sich gut aushalten läßt: die „Hirschau“ im Süden und den „Aumeister“ im Norden der Anlage. Außerdem: im Sommer kann man spätabends Menschen mit Lampions durch den Parks laufen sehen, wenn gerade im Amphitheater der Hirschau Theateraufführungen stattfinden.

In früheren Zeiten, ab dem 13. Jahrhundert, wurde die Hirschau als Jagdrevier genutzt, denn das Gebiet war sehr reich an Rotwild. Im 16. Jahrhundert soll es, so wird gemunkelt, an die tausend Hirsche gegeben haben. Zweihundert Jahre später, ab 1789, ließ Kurfürst Karl-Theodor im Jagdgebiet links der Isar einen Park nach „englischer Art“ anlegen. Dieser sollte ausgehend von der Residenz des Kurfürsts und dem benachbarten Hofgarten in Richtung Norden bis zum „Wald-Hirschanger“ reichen. Realisiert wurde der Park von Karl-Theodors Vertrauten Benjamin Thompson, dem späteren Graf Rumford. Friedrich Ludwig Sckell, Hofgärtner in Schwetzingen, stand beratend zur Seite. Das im Norden angrenzende Gebiet, das der heutigen Hirschau entspricht, war damals noch „mit Gesträuchen und kleinen Bäumen tausendfacher Art bewachsen“, so beschrieb es der Münchner Historiker Lorenz von Westenrieder 1792. Im Dezember 1799 wurden 300 Morgen, das sind etwa 75 Hektar, dieses Wildwuchses dem Englischen Garten zugeschlagen. Der Hintergrund: nach dem Willen des inzwischen regierenden Max IV. Joseph sollte das gesamte Gartenprojekt durch eine flächenmäßige Vergrößerung des Parks und Erweiterung der Landwirtschaft rentabler gemacht werden. Reinhard Graf von Werneck wurde beauftragt, das Areal umzugestalten, allerdings unter der Oberaufsicht von Friedrich Ludwig Sckell. Bäume wurden gerodet, neue gepflanzt, die Qualität der Wiesen und Äcker durch Auftrag von Humus, der beim Bau des Kleinhesseloher Sees anfiel, verbessert, etc. Doch schon 1804 wurde Werneck seines Amtes wieder enthoben. Der Kurfürst betraute nun Friedrich Ludwig Sckell, inzwischen Indendant des gesamten Bayerischen Gartenwesens, persönlich mit der Leitung. Sckell war nicht zufrieden, die Anlage habe er „in einem unkultivierten, noch ganz mit Dornen und Disteln überwachsenen Zustand“ übernommen, schrieb er 1807, und seit 1804 sei er damit beschäftigt gewesen „dieses Terrain zu reinigen, die schlechten Waldparthien aus zu reutten, die schönsten Gruppen auszusparen, und die Zwischenräume umzureisen.“ Zur Zierde der Anlagen führte Sckell im Englischen Garten die „Wisen Cultur“ ein. Sonstige Landwirtschaft mit Ausnahme des Anbaus von Hafer für die Herrschaftlichen Pferde sah er nicht vor, „sie schicke sich nicht“. Er schuf einen „schönen Reit- und Fahrweg (…) auf der linken Seite an den freundlichen Ufern des Schwabinger Baches hinab, und auf der rechten am Oberjägermeister Bach zurück“, alles „im einfachen ungeschmückten Styl der Natur“.

Manche der markanten Bäume der Hirschau wie die mächtige Sommerlinde auf der Siebenbuchenwiese, sind sicherlich so alt, dass sie diese Anfangszeiten des Englischen Gartens miterlebt haben. Da spielt es keine Rolle, ob sie nun unter Werneck oder Sckell gepflanzt wurden oder eventuell schon zuvor als natürlicher Bestandteil der Waldflächen der Hirschau hier wuchsen. Fest steht, die Gehölze waren seither vielen Gefahren ausgesetzt und haben diese bis heute überstanden: zahllose Stürme, die über München fegten und große Schäden verursachten, Temperaturschwankungen, Trockenheit, Schädlingsbefall, etc. Gegenwärtig – in Zeiten des Klimawandels – sind es vor allem langdauernde Hitzeperioden, die den Bäumen immer wieder zusetzen. Da ist es beinahe ein Wunder, dass sie hier immer noch stehen.

(Weiterführende Literatur: Pankraz von Freyberg: Der Englische Garten in München, Knürr Verlag, München 2001)